Sarajevo, ljubavi moja

Von Süd nach Nord, von West nach Ost, fast ganz Bosnien haben wir auf unseren Wochenendreisen bereits erkundet. Es gibt im ganzen Land zwar nur zwei Bahnlinien, aber das Busnetz ist hervorragend. Wir waren nicht nur im postkarten-romantischen Drinatal, dem Grenzfluss zwischen Bosnien und Serbien, bis hinunter nach Višegrad, wo die von Nobelpreisträger Ivo Andrić literarisch verewigte „Brücke über die Drina“ steht, sondern auch in Srebrenica, wo viel noch im Argen ist, im schon sehr touristischen Mostar, wo viel Restaurationsarbeit geleistet wurde, sowie in der Herzegowina, in Pale und dem Wintersportparadies Jahorina, und in Travnik, dem herrlichen Luftkurort im Zentrum Bosniens. Doch was uns wirklich beeindruckt hat, ist die Hauptstadt Bosnien, unser geliebtes Sarajevo (wer „Grbavica“, den Gewinnerfilm der diesjährigen Berlinale gesehn hat, wird sich an die Hymne der Sarajevskis „ljubavi moja“ am Ende des Films erinnern).
Nicht umsonst wurde und wird Sarajevo das Istanbul Europas genannt, hier treffen Christentum, Islam und Judentum aufeinander und gerade auch deswegen war die Stadt das Zentrum des Bosnienkonflikts. Wenn man durch die orientalische Altstadt Baščaršija schlendert mit seinen tausend kleinen Ständen, wo inzwischen wieder viele Touristen bosanska kafa trinken, denkt man nicht, dass gleich daneben zu beiden Ufern der Miljacka man schon im von Österreich-Ungarn geprägten Stadtteil ist. Genau hier an der Stelle, wo der österreichische Kronfolger Franz Ferdinand erschossen wurde, was den 1. Weltkrieg ausgelöst hat, steht ein Gedenkstein, der interessanterweise nicht sagt „Hier wurde Franz Ferdinand erschossen“, sondern „von hier schoss man auf Franz Ferdinand“...
Zu beiden Flussufern sieht man sowohl katholische als auch orthodoxe Kirchen, beeindruckende Moscheen und sogar die alte und neue jüdische Synagoge. Es ist fast unglaublich, dass nur wenige Jahre nach dem Bosnienkrieg wieder alle Religionen nebeneinander existieren können. Und die friedliche aussehenden Häuser an den Hängen des langen Tals, in dem sich Sarajevo erstreckt, lassen die Vergangenheit eigentlich fast vergessen.
Sarajevo ist stolz darauf, die älteste Strassenbahn Europas zu haben, und alle fahren auch mit den alten Bahnen vom Zentrum bis runter nach Ilidža. Und dort an den Hochhäusern, die die breiteste Strasse Sarajevos säumen, sieht man immernoch die Einschüsse. Das einzige vollrestaurierte Gebäude an dem unter dem furchtbaren Namen „Snipers' Alley“ bekannt gewordenen Boulevard ist das „Holiday Inn“-Hotel, das während des Krieges Herberge für Journalisten aus aller Welt war.
Wenn man dann die steilen Hänge über der Altstadt hinaufläuft, dann sieht man diese wunderschöne Stadt von oben. Dort haben wir dann auch ein schlichtes Privatquartier bekommen, von dem wir eigentlich garnicht mehr wegwollten. Tja, Sarajevo hat eben einen gewissen Charme, der jeden gefangen nimmt. Probiert es mal aus!
Euer LARS
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