Friday, October 13, 2006

Der Krieg


Eigentlich ist es ja sehr schade, in einem der ersten Texte über den Krieg zu schreiben. Aber viele Menschen denken nunmal zunächst an Krieg, wenn sie den Namen Bosnien-Herzegowina hören. Zudem stellen Zerstörung und Leid, die der Krieg mit sich brachte, den primären Grund dafür dar, dass Lars und ich hierher gekommen sind. Also, sprechen wir über den Krieg.
Die ersten paar Tage nach unserer Ankunft ist der Krieg mir überhaupt nicht in den Sinn gekommen. Ich war damit beschäftigt mein Zimmer zu beziehen, unsere Arbeitskollegen kennen zu lernen und ohne Bosnischkenntnisse etwas zu Essen zu organisieren. Weder die Stadt Tuzla selbst noch die umliegenden Dörfer sahen nach Krieg oder Nachkrieg aus. Ich vergaß ihn also.
Erst nach ein paar Tagen fiel er mir wieder ein und ich begann, ganz bewußt nach den Spuren des Krieges zu suchen. Ich entdeckte vor allem außerhalb von Tuzla Häuser, an deren Fassade Einschußlöcher zu sehen sind. In jedem Dorf gibt es wenigstens einige Häuser, die leer stehen, die nicht wiederaufgebaut wurden. Auf vielen Friedhöfen, in vielen Parkanlagen und vor den meisten Betrieben finden sich große Mahntafeln mit den Namen der vielen Opfer. Eindeutige Zeichen des Krieges. Aber für mich in diesem Moment doch nicht so eindeutig. Ich konnte es mir einfach nicht vorstellen. Ich konnte mir Krieg weder in dieser sonnendurchfluteten Stadt mit ihren fröhlichen Menschen, noch in den wunderschönen grünen Hügeln um Tuzla herum vorstellen. Wie ein armes Land sah Bosnien für mich aus. Aber Krieg?
Im ersten Deutschkurs für die Jugendlichen, in dem ich assistierte, beschrieben sich anfangs alle Teilnehmer in wenigen Sätzen. „Ich heiße Svetlana. Ich komme aus Tuzla. Ich bin 15 Jahre alt. Ich mag Pizza. Ich mag nicht Krieg.“, sagte das erste Mädchen. Der Krieg schleicht sich erst ganz allmählich in mein Leben hier – und mein Bewusstsein – ein. Erst im Gespräch mit den Menschen hier verstehe ich, dass jedes einzelne verlassene Haus von einer Familie erzählt. Von einer Familie, die vielleicht gewaltsam vertrieben wurde oder floh, die nicht zurückkommen konnte oder wollte, oder die vielleicht sogar tot ist. Es sind nicht einfach kaputte Häuser. Jedes erzählt seine Geschichte. Im Gespräch mit den Menschen hier spüre ich auch, wie präsent der Krieg in den Köpfen noch ist. Die ganze Gesellschaft hier scheint aufgeteilt in diejenigen, die den Krieg hier erlebt haben und diejenigen, die geflohen sind. Und alle, alle reden vom Krieg.
Ich fühle mich ein bißchen an meine Großmutter in Deutschland erinnert. Auch sie redet vom Krieg, noch heute. Für sie, sowie viele Menschen in ihrem Alter, ist der Krieg in Deutschland noch immer nicht ganz Vergangenheit geworden. So, denke ich, ist es für die Menschen hier wohl auch. Auf den ersten Blick ist der Krieg für den fremden Beobachter nur zu erahnen. Unvorstellbar. Aber die Menschen hier tragen ihn in ihren Köpfen und ihren Herzen noch lange mit sich herum. Das ist wohl der schlimmste Schaden, den der Krieg anrichtet. Was mich betrifft, ähnlich wie bei den Geschichten meiner Oma, kann ich es noch so oft hören. Es bleibt einfach unvorstellbar.
charlie

3 Comments:

Anonymous Anonymous said...

hat mich tief beruehrt.

10:49 AM  
Anonymous Anonymous said...

Ich bewundere Deine schriftstellerischen Fähigkeiten und teile Deine Ansicht über den Krieg (v. a. dessen Fortbestehen in den Köpfen der Überlebenden).
Alle weiteren Stories sind echt amüsant.
Ina

5:29 PM  
Anonymous Anonymous said...

Als ich den Bericht über den Krieg und seine Anwesenheit in den Köpfen der
Menschen gelesen habe, hat mich das sehr betroffen gemacht. Da ich selbst nie
Krieg erlebt habe, kann ich das wahrscheinlich auch schlecht nachvollziehen. Die
Frage kam auf, seit wann der Krieg dort eigentlich vorbei ist?

Ciao Joerg

10:03 AM  

Post a Comment

<< Home